Theodizee des Techno-Kapitalismus

Michael Eldred, Kapital und Technik. artefact, Köln 2015.

 Michael Eldred stellt eine Frage, die zwar auf der Hand liegt, aber kaum gefragt ist: Wie hängen Kapitalismus und Technowelt zusammen? Zur Beantwortung rückt er das Denken von Marx und Heidegger sozusagen ineinander – was wegen scheinbar politischer Unverträglichkeit beider Richtungen bisher nur Wenige gewagt haben. Der Grundgedanke ist gar nicht so kompliziert: Indem er den „Wert“ von der Arbeit abkoppelt und ihn als reines Tausch-Phänomen sieht, kann Eldred aus der Marxschen Werttheorie eine genaue Parallele zu Heideggers „Ge-Stell“ entwickeln: das „Gespiel“.

Analog zum „Ge-Stell“, das Heidegger als Wesen der Technik denkt, konstruiert Eldred das „Gespiel“ als ein Seinsgeschick, das alles Seiende als Verwertbares in ein planetarisches „Gewinn-Spiel“ reißt. Damit entlässt er die menschliche Subjektivität aus ihrer geschichtlichen Gesamtverantwortung, an die Marx noch glaubte. Wir können den Kapitalismus nicht überwinden; der Mensch ist eben kein maßvolles, sondern ein „exzessives“ Wesen. Der kommunistische Traum, ein Erbe der absoluten Subjektivität Hegels, ist ausgeträumt.

Es ist an der Zeit, Marx und Heidegger weiterzudrehen, und Eldred geht dabei ebenso elegant wie methodisch vor. In der Tat lässt allein die allgemeine Gedankenlosigkeit, mit der inzwischen die Geldherrschaft hingenommen wird, diese wie ein Seinsgeschick erscheinen. Ob aber „Gespiel“ das geeignete Wort ist, das Phänomen der verabsolutierten Geldwertsteigerung zu fassen? „Gespiel“ klingt wie eine ontologische Rechtfertigung des Casino-Kapitalismus. Noch konstruierter wirkt Eldreds Begriff des „Ge-Griffs“, der den ursprünglichen Seins-Entwurf fassen soll, der Kapitalismus UND Technowelt zugrunde liegt.   Aber warum überhaupt muss es ein Drittes geben, aus dem Kapital und Technik hervorgehen? Kann nicht das „Gespiel“ der Grund des „Ge-Stells“ sein – oder umgekehrt? 

Verlieren wir uns nicht in Spekulationen. Die Frage ist: Was tun? Von Heideggers bäuerlicher „Gelassenheit“ und „Bodenständigkeit“ verabschiedet sich Eldred ebenso wie vom Sozialismus. Um Kapital und Technik zu „verwinden“, lehnt er sich aber doch wieder bei Heidegger an: er empfiehlt, in einer „Doppelwelt“ zu leben, indem wir zwar den flow des Techno-Kapitalismus „in nomadischer Agilität“ mitmachen (was bleibt uns anderes übrig), zugleich aber der Besinnung einen „oasenhaften Platz“ einräumen (S. 125). Keine schlechte Idee, allerdings etwas abstrakt. Es bleibt zu fragen, ob Menschen, die kleine Kinder zu ernähren haben oder über 70 sind, nicht doch etwas mehr „Bodenständigkeit“ brauchen, als das Finanz-Roulette ihnen gibt – offenbar ist das Menschenwesen nicht nur „exzessiv“.

Eldreds Studie ist ein mutiger Versuch, sowohl über die Metaphysik von Marx als auch über Heideggers „blinde Flecken“ hinaus zu tanzen. Streckenweise kommt das Buch bohemienhaft distanziert daher – keine Rede von der Verwüstung der Erde durch das „Ge-Stell“ oder davon, dass im „Gespiel“ über 800 Millionen Menschen hungern (lt. UN). Vergessen scheint auch, was Marx wusste: dass die Chancen im großen Monopoly alles andere als fair verteilt sind. Dennoch liefert „Kapital und Technik“ einen provokanten Impuls, um die not-wendige Diskussion der Fundamente unserer Gesellschaft in Gang zu bringen.