Kunst-Coaching – wie geht das?

Bilder sind in Bewegung. In einem seiner letzten Texte stellte Wilhelm Salber am 22. November 2016 in knapper Form seine Methode der psychologischen Arbeit mit Kunst dar:

 Notiz zur Kunst-Intensivierung (sogenanntes Coachen)

Es geht um den Umgang mit Kunstwerken, nicht um Kunst an sich, nicht um Erleben an sich. Dabei ist wichtig, welche Vorannahmen wir berücksichtigen müssen und um welche Vorannahmen wir herum zu kommen suchen. Es ist unsere Methode, durch die Beschreibung des Umgangs mit Gemälden an die Gestalt des Prozesses heranzukommen, anhand deren wir Kunstwerke verstehen können.

Die Analyse der Wege beim Umgang mit Kunst meint nicht Aneinanderreihung von Einzelheiten, die man zunächst sammeln und dann noch mit einem Etikett versehen muss. Es geht vielmehr darum, die Entwicklung verschiedener Wendungen beim Umgang mit Bildern durch Mitbewegen und -gestalten zu erfassen. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg, der an ein Gemälde heranführt.

Im Gegensatz zu einer Aneinanderreihung von Einzelheiten versuchen wir durch die Beschreibung etwas im Ganzen herauszumodellieren, das diesem Umgang Gestalt gibt. Auch hier ist wiederum zu bemerken, dass es nicht um eine Kunst an sich oder um ein inneres Seelisches an sich geht. Es geht immer um eine Wirkungseinheit, deren Getriebe im Ganzen wir zu charakterisieren suchen.

Bei der Belebung der Züge des Gefüges dieser Wirkungseinheiten beobachten wir, dass dabei Doppeltes und Dreifaches zutage tritt. Die verschiedenen Erfahrungen beim Umgang mit Gemälden werden gleichsam in einen Stellenplan gebracht, der mit den Kategorien des seelischen All-Tages (mit universalen Verhältnissen) zu tun hat, die das Seelische an künstlerische Produktionen und ihre Strukturierung heranrücken.

1) Bilder sind immer in Bewegung. Nochmal gesagt: es geht um den Umgang mit Kunstwerken, nicht um Kunst an sich, nicht um Erleben an sich.

2) Anhand der Beschreibung wird dann ein Umgangs-Profil erstellt. Was wird erwartet, was ist vertraut, was seltsam, wo hat etwas Ähnliches, wo etwas Entgegengesetztes stattgefunden. Bei Unternehmungen, Alltags-Vorgängen, bei Bekannten, bei Feinden.

3) Nun kann auf der Grundlage des Profils die Eigenheit einer Gestalt des spezifischen Falls herausgearbeitet werden. In welcher Richtung entwickelt sich bei diesem Fall die Suche nach einer Gestalt? Mit welchen Betroffenheiten, Abwehr-Prozessen und ähnlichem wird gerechnet? Welche unbewussten Geschichten und Rahmen deuten sich an? In welcher Richtung ist eine Bild-Strukturierung zu erwarten?

4) Anschließend kann diese Gestalt-Eigenheit eines Falles durch die Basisarbeit der Intensivberatung in Bewegung gebracht werden. Dazu bieten das System der Kultur-Morphologie und ihre sechs metapsychologischen Bedingungen Anhaltspunkte zu einer Gewichtung.

 

Qualitative Psychologie – Grundlagen und Entwicklungen

Verstehen statt Aufzählen

Gewöhnlich meint man mit “qualitativer” Forschung etwas Schwächliches und Weiches gegenüber der “harten” Zahlenwissenschaft. Das scheinbare Defizit kehrt sich jedoch sofort in einen Vorzug um, sobald qualitatives Vorgehen als eine verstehende Forschung deutlich wird. Das Zählen versteht nichts. Es macht allerdings keinen Sinn, “qualitative Methoden” an sich, ohne Bezug auf ihren Gegenstand, zu betrachten. Daher ist im Folgenden von Qualitativer Psychologie und deren Methode die Rede. 

Methode und Gegenstand

Eine Methode (meta-hodos: Zwischen-Weg) muss dem Gegenstand entsprechen, den sie erschließen soll. Es gibt daher keine „Methoden an sich“, sondern nur Methoden in Bezug auf den Gegenstands-Bereich, der zur Sprache kommen soll. Jede Wissenschaft setzt einen Entwurf ihres Gegenstandes voraus (z.B. „Natur“ = Bewegung von Massen in Raum und Zeit in Newtons Physik). Auf diesen Entwurf ist die Methode bezogen: Die wahre Methode ist das Tun der Sache selbst (Hegel, Logik II, S. 330 Ausg. v. Lasson).  

Gegenstand der Qualitativen Psychologie

Ihr Gegenstand: das menschliche Dasein, das nach sich selbst fragt. Das Nach-sich-selbst-Fragen, der Bezug zu sich selbst, bestimmt das Sein des Menschen! „Gegenstand“ der Qualitativen Psychologie ist der Mensch in seiner geschichtlich existierenden Ganzheit – also nicht aufgesplittert in Wahrnehmung, Emotionen, Gedächtnis, Gehirn, Reiz & Reaktion usw.

Zum Mensch-Sein gehört immer der verstehende Bezug zu Anderen und zu Dingen: die geschichtliche „Lebenswelt“ (Husserl) bzw. das „In-der-Welt-Sein“ (Heidegger). „Welt“ ist kein Sammelsurium bedeutungsloser Objekte, sondern ein sinnvoll gegliedertes Ganzes, in dem Menschen ihre Wege zwischen Geburt und Tod gehen, ihre Entscheidungen treffen, siegen oder scheitern. Die Bedeutung der begegnenden Dinge erschließt sich nicht theoretisch, sondern im sich-verstehenden Umgang (ein Hammer ist etwas, um Nägel einzuschlagen).  

Methoden der Qualitativen Psychologie

Was Menschen immer schon machen – sie verstehen sich und ihre Welt – macht die Psychologie explizit, d.h. sie geht fragend in die Lebenswelt hinein, sie bricht durch ihre Methode mit den “Selbstverständlichkeiten” des Alltags. Wissenschaftliches Verstehen setzt das Fremdwerden mit sich selbst und anderen voraus. Erst aus dem Fremd- und Fragwürdig-Werden der Welt heraus kann ein  ausdrückliches Begreifen geschehen. “Methode” hat hier nicht, wie in den Naturwissenschaften, den Sinn der Sicherung einer “Objektivität” – sie ist vielmehr der Weg zur Erschließung des Daseins von diesem selbst her. Die qualitative Psychologie lässt sich nicht von anderen Wissenschaften (Theologie, Physik, Biologie, Gehirn usf.) vorgeben, was den Menschen ausmacht, sondern rückt in den Blick, wie sich menschliches Dasein an sich selbst zeigt.          

Phänomenologie

Ihr Grundgedanke: das Wesen einer Sache (eines Menschen, einer Handlung, eines Dinges usf.)
ist nichts anderes als die Reihe der Erscheinungen, die von ihr Kunde geben. Es gibt also nichts „hinter“ den Erscheinungen oder Phänomenen (keine Triebe, Elemente, Substanzen). So zeigt sich der Sinn aller Geschehnisse „IN“ diesen selber. Dabei ist zu beachten, dass es keine isolierten Erfahrungen gibt, sondern dass in einzelnen Ereignissen stets das Ganze der Welt (zeitlich und räumlich) mehr oder weniger „da“ ist. Gehe ich am See spazieren, sind der benachbarte Wald, die ferne Hochschule, die Antike… zugleich mitanwesend.     

Phänomenologie ist die Kunst des Sehen-Lassens: „Das, was sich zeigt, so wie es sich von ihm selbst her zeigt, von ihm selbst her sehen lassen“ (Heidegger). Da „die Sache“ mit dem identisch ist, was sie von sich selbst her zeigt, lautet das Motto der Phänomenologie: „Zu den Sachen selber“ (Husserl). Im „normalen“ Alltag bleiben wesentliche Phänomene des Lebens verdeckt (z.B. unser Tod). Das Heraus-Heben der zumeist unauffälligen Alltags-Phänomene ist die Arbeit jeder phänomenologischen Psychologie. Sie hebt ans Licht, macht Übersehenes sichtbar, führt vom Gucken zum Sehen. Grundregeln: „Einklammern“ aller alltäglichen und wissenschaftlichen Vor-Urteile; Ent-Haltung als Haltung; Ausweisen aller Befunde an Phänomenen, die im Prinzip für jedermann sichtbar gemacht werden können.   

Hermeneutik

Phänomenologie ist vom wissenschaftlichen Verstehen (Hermeneutik) nicht zu trennen. Das Heraus-Heben bestimmter Phänomene ist stets „Auslegung“ ihres Sinnes (= Heraus-Legen, Auseinander-Legen, Auspacken des Einen im Vielen und des Vielen im Einen). Ähnlich dem Text-Verstehen vollzieht sich das psychologische Verstehen des Sich-Zeigenden in einem spiralförmigen Prozess („hermeneutischer Zirkel“), in einem Hin und Her zwischen Einzelnem und Ganzem. Dabei ist ein Vor-Entwurf leitend, der im Gang des Forschens vom Gegenstand her korrigiert wird. Wissenschaftliches Verstehen ist daher nie abgeschlossen, es führt immer nur zu „ungeschlossenen Geschlossenheiten“ (W. Salber).         

Beschreibung

Phänomenologie und Hermeneutik sind „deskriptive“ (beschreibende) Methoden. Sehen-Lassen, Sinn-Verstehen und Beschreiben sind ein und dasselbe! Durch Beschreiben lassen sich flüchtige Lebens-Phänomene aufweisen, d.h. festhalten und in ihrem Sinn verstehen.

Verstehen ist nicht bloß Nachvollziehen oder Rekonstruieren, sondern ein Anverwandeln der Sache, indem sie in anderen Worten zur Sprache kommt. Diese Übersetzung leistet das Beschreiben; es ist kein bloßes Aufzeichnen, Sammeln oder Protokollieren. Paradoxerweise verstehen wir eine fremde Sache nicht durch Nachahmen, sondern durch eigenes Um-Bilden, durch Ver-rücken. Beschreiben ähnelt dem Gespräch mit einem Fremden, das im Gegenspiel von Fragen und Antworten eine Sache zur Rede bringt. Die Beschreibung gibt eine Erfahrung also nicht einfach wieder, die Erfahrung entsteht erst im Beschreiben!   

Soweit die grundsätzliche Basis qualitativer Psychologie. Jede weitere Entfaltung ihrer Methoden beruht auf bestimmten Seherfahrungen des menschlichen Daseins – auf darauf aufbauenden Theorien, die wiederum metaphysische Voraussetzungen enthalten. Keine Beschreibung ohne Theorie – keine Theorie ohne Beschreibung. Im Folgenden werden zwei psychologische Konzepte kurz und beispielhaft dargestellt, die in unterschiedlicher Weise die menschliche Welt beschreiben.  .

Psychoanalyse

Wenn man von Trieb-Mystik und „seelischem Apparat“ absieht und sich an Freuds Beschreibungen hält, kann seine Psychoanalyse streckenweise als „phänomennahe“ Theorie des Daseins gelten. Widerstände zum Beispiel sind dem Analytiker wirklich spürbar. Entscheidend für die Psychoanalyse war die Einsicht, dass bestimmte Phänomene etwas anderes als sie selbst bedeuten (Scham kann z.B. auf Schamlosigkeit verweisen). Das Bedeutete ist demnach nicht abzuschneiden, sondern zu explizieren.  Leider verstellt sich Freud selber diesen Weg, indem er die explizierten Phänomene dann als verursacht durch fiktive Triebe, Energien usw. ansieht. Auch “das Unbewusste” ist aus phänomenologischer Sicht ein problematischer Begriff. Wie sollen uns unbewusste Wünsche etwas angehen?

Auch wenn Freud seine Entdeckungen zuletzt doch wieder der naturwissenschaftlichen Metaphysik unterwirft, hat er als Erster auf die Sinnhaftigkeit aller menschlicher Ausdrucksformen hingewiesen. Seine Grundregel der “freien Assoziation” bleibt als Weg zur Öffnung eingeengter Lebenswelten unverzichtbar. Sinn der psychoanalytischen Methode ist das Erweitern von Spielräumen. Ähnlich wie Marx verfolgte Freud einen „Befreiungs-Ansatz“ (Thea Bauriedl).  

Morphologische Psychologie

Sie kann als phänomenologische Weiterentwicklung der Psychoanalyse gesehen werden. Unzufrieden mit der Trieb- und Ich-Metaphysik Freuds, inspiriert von Goethes „Morphologie“, deutete Wilhelm Salber das Dasein als ein beständiges Ringen nach Gestalt. Menschliches Dasein „ist“ geschichtliches Gestalten des Wirklichen; in gemeinschaftlichen Produktionen („Wirkungseinheiten“) findet es seinen Sinn. Nicht Triebe bewegen das Leben, sondern die Dramatik, aus ursprünglicher Unruhe heraus Gestalten bilden und wieder umbilden zu müssen.  

Um die existentielle Dramatik unserer “Werke” herauszuarbeiten, hat W. Salber „Vier Versionen“ der Beschreibung entwickelt:

–      Beschreiben ganzheitlicher „Grundqualitäten“ (z.B. Leiden- und Nicht-Leiden-Können).

–      Herausheben spannungsvoller „Verhältnisse“ (Polaritäten bzw. typische Lebens-Strategien), um die Dynamik menschlicher „Werke“ zu beschreiben.

–      Darstellen der „Konstruktion“, die den Kern der beschriebenen Dynamik bildet und alle  Phänomene in ihrer Widersprüchlichkeit verständlich macht. Mythen, Märchen und Kunst rücken ursprüngliche Konstruktions-Probleme ins Bild („Urphänomene“).

–      Indem die „Paradoxien“ der jeweiligen Lebens-Konstruktion heraus gehoben werden (z.B. Alles = Nichts), zeigen sich weiterführende Lösungsmöglichkeiten (z.B. Etwas-Werden statt Alles-und-Nichts).    

Ähnlich wie die Psychoanalyse möchte die Morphologie Entwicklungs-Blockaden überwinden („Verwandlung“ möglich machen), um das Leben in seinem Reichtum zu entfalten.    

Tiefeninterview und Gruppendiskussion

Das Tiefeninterview ist eine „angeregte Beschreibung“: der Interview-Partner wird ermuntert, seinen Umgang mit XY zu beschreiben. Dabei geht es darum, die Bedeutungen alltäglicher Ereignisse möglichst umfassend zu explizieren (Heraus-Legen, was „in“ Kaffeetrinken, Autofahren, Filmegucken usw. alles geschieht). Dazu bedient sich das TI vor allem der Techniken des Zerdehnens und Verrückens. Wesentliche Aufschlüsse auf unbewusste Prozesse  liefert die „Interview-Dynamik“: in der Beziehung zwischen Interviewer und Interviewtem inszeniert sich die Bedeutung des Gegenstands (Freuds „Übertragung“).         

Die morphologische Schule hat eine ganze Reihe von Regeln und Techniken des Tiefeninterviews entwickelt. Analog zum Tiefeninterview werden bei der  Gruppendiskussion aus der „Dynamik“ oder „Dramatik“ des Gesprächs wesentliche Phänomene des Gegenstands heraus gearbeitet. 

Morphologische Medienanalyse

Ähnlich der Technik der Traumdeutung (S. Freud) wird der komplette Erlebens-Prozess in Bezug auf einen Film (oder ein anderes Medium) beschrieben, indem die Zuschauer alles sagen, was ihnen dabei in den Kopf kommt (1. Version). 

Anschließend kann der „latente“ Dialog zwischen Medium und Zuschauer über die Zeit hinweg schrittweise beschrieben werden (Verlockungen – Abwehr, Erwartungen – Enttäuschungen, Steigerungen – Rückschläge, Zuspitzung zur Katastrophe usf. – 2. Version). 

Die Dramatik dieses Dialogs dreht sich um ein existenzielles Grundproblem (Urphänomen oder Grundkomplex aus Märchen oder Mythen – 3. Version). Das Film-Erleben wird damit als “Komplex-Entwicklung” verständlich. 

Ähnlich wie der Traum spielen Medien diese paradoxen Grundmuster des Daseins durch, um aktuelle Lebens- und Kulturprobleme zu behandeln (4. Version).

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