Marx ein Materialist?

Kurt Bayertz: Interpretieren um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie, München 2018.

Das Desaster der „Globalisierung“ ruft nach einer neuen Besinnung auf Karl Marx. Kurt Bayertz geht einige Schritte in dieser Richtung, biegt aber dann doch wieder in alte Bahnen zurück. Seine im Einzelnen sorgfältige Interpretation gibt wertvolle Erläuterungen der Marxschen Philosophie, sie räumt einige Missverständnisse (z.B. der „Produktivkräfte“) aus, enttäuscht jedoch gerade bei den ontologischen Fundamenten. Bayertz‘ These, das Marxsche Denken sei „Materialismus“, ist weder neu, noch zutreffend.

Marx sprach zwar selber von „Materialismus“, doch wie Bayertz richtig bemerkt, handelte es sich dabei um einen Kampfbegriff (S. 247). Im Fazit stützt der Autor seine Materialismus-These darauf, dass nach Marx das Handeln der Menschen „objektive, von ihrem Denken unabhängige Konsequenzen“ habe (S. 247). Es ist aber immer noch das menschliche Handeln, das die „objektiven“ Gesellschafts-Formen hervorbringt – eine Selbst-Entfremdung der menschlichen Subjektivität. Damit sind wir aber im Deutschen Idealismus: das „unbewusst produzierende Ich“ war seit Fichte und Schelling ein Standard zur Erklärung der „objektiven“ Welt.

Bayertz sieht durchaus die „Einheit von materiellen und ideellen Faktoren“ im geschichtlichen Denken von Marx (S. 170), er spricht sogar davon, dass der „Materialismus“ von Marx die „traditionellen Frontlinien zwischen Materialismus und Idealismus“ durchkreuzt (S. 86). Dann aber ist rätselhaft, wieso er das Ganze doch wieder der „Tradition des Materialismus“ einordnet. Vielleicht weil er die entscheidende Frage unterlässt, wie denn die „Einheit von materiellen und ideellen Faktoren“ selber zu denken ist – als absolutes „Subjekt-Objekt“?

Offenbar setzt Marx nicht bei der absoluten Subjektivität an wie Schelling und Hegel, sondern bei der endlichen, konkreten Existenz des Menschen. Beim Ackern, Essen, Kämpfen, Kinderkriegen – das ist der “Materialismus” bei Marx (wie schon bei Feuerbach: “Der Mensch ist, was er isst.”). Mit dem metaphysischen “Materialismus” eines Kautsky hat das nichts zu tun. Marx’ Denken bleibt im Rahmen der neuzeitlichen Subjekts-Ontologie. Gesellschaftsformationen und Bewusstsein sind Produktionen der menschlichen Subjektivität. Und insgesamt läuft der geschichtliche Prozess darauf hinaus, die scheinbar „objektive” Welt als selbstgemachte zu durchschauen und der menschlichen Gestaltung zu unterwerfen. Das endliche Subjekt nähert sich damit dem absoluten an. 

Ließe sich auf diese Weise das Denken von Marx durchaus als „idealistisch“ abfertigen, so bringt das ebenso wenig weiter wie die Materialismus-These von Bayertz (und zahlreichen Vorgängern). Die Frage ist doch, inwieweit das Denken von Marx über die bequemen Schubladen der „herrschenden Gedanken“ hinausführt. Geht man vom zentralen Begriff der „Arbeit“ aus, die immer gesellschaftlicher Umgang mit dem naturhaft Begegnenden ist, deutet sich bei Marx eine über „Subjekt“ und „Objekt“ hinausliegende Seinsweise des Menschen an. Vielleicht kann sie verglichen werden mit der „Intentionalität“ bei Brentano/Husserl oder mit Heideggers „In-der-Welt-Sein“, das auch der Praxis einen Vorrang vor der „Erkenntnis“ einräumt.

Trotz wissenschaftstheoretischer Präzision wird Bayertz dem geschichtlichen Denken von Marx nicht gerecht. Er zeigt zwar einleuchtend, dass Marx mit dem schillernden Begriff der „Produktivkräfte“ das menschliche Wirken meint, unterstellt diesem dann aber eine Art Entwicklungs-Trieb, der für kulturellen Fortschritt sorge. Die Geschichtlichkeit, wie sie Marx denkt, braucht so ein mystisches „Streben“ jedoch gar nicht. Menschen existieren, indem sie ihrem kollektiven Wirken geschichtlich eine „Form“ geben. Gerade dadurch entwickeln sie sich weiter, was sie nach einer neuen Form suchen lässt usf. Die neue Form „schlummert“ insofern schon im Schoße der alten Gesellschaft.

Dazu passt die Metapher der „Geburtshilfe“, die Marx verwendet, um die Aufgabe der Revolutionäre zu veranschaulichen, wie Bayertz überzeugend ausführt. Revolution ist weder das Ergebnis geschichtlicher Mechanik, noch Willenstat entschlossener Revolutionäre, sondern eine Wirkungseinheit beider. An dieser entscheidenden Stelle im Denken von Marx kommen wieder „materielle“ und „ideelle“ Faktoren zusammen, was Bayertz leider unerwähnt lässt. Gerade die von Marxisten so gern missverstandene Revolutions-Theorie hätte ihn auf das wirklich revolutionäre, über damalige und heutige Denk-Schubladen hinausführende, Seinsverständnis von Marx führen können. Allerdings liegt dessen Optimismus, die Geschichte führe insgesamt zu mehr Aufklärung und Freiheit, doch wieder eine „idealistische“ Metaphysik zugrunde.

Etwas geschichtsvergessen mutet die Behauptung von Bayertz an, das Projekt des Proletariats sei gescheitert, eine „wirkliche Bewegung () existiert heute nicht mehr“ (S. 69). Nun, das mag in seinem Professorenkreis so sein, aber ohne Wirkung des Proletariats (und ohne dessen Leitstern Marx) gäbe es die sozialen Errungenschaften nicht, die heute im Zuge der „Globalisierung“ wieder demontiert werden (Krankenversicherung, Kündigungsschutz, Tarifverträge usw.). Und auch wenn das deutsche Proletariat derzeit (mal wieder) schläft, existiert in anderen Ländern und Erdteilen durchaus eine „wirkliche Bewegung“ – und sie wird umso stärker werden, je weiter die „Globalisierung“ fortschreitet. Die Auseinandersetzung mit dem Denken von Marx möge sie vor der Wiederholung alter Fehler bewahren.

Eine andere Sicht des Seelischen

VON YIZHAK AHREN

Daniel Salber (Hg.), Wilhelm Salber : Klinische Psychologie, Vorlesung  Wintersemester 1978/79. Bouvier Verlag, Bonn 2019. 393 Seiten.

Sogar diplomierte Morphologen müssen sich große Mühe geben, um Wilhelm  Salbers Bücher wirklich zu verstehen. Wesentlich einfacher war es,  Salbers Gedanken zu begreifen, wenn man dabei war, als er im Hörsaal  redete. Daher ist die Veröffentlichung  der Vorlesung, die Salber im  Wintersemester 1978/79  an der Universität zu Köln hielt, sehr zu  begrüßen. Der Herausgeber, Daniel Salber, hat ein kurzes Vorwort  geschrieben und ein Begriffsregister erstellt, das bei einer  Vertiefung in die behandelte Materie hilfreich ist.

Manchem Leser mag sich die naheliegende Frage aufdrängen: Warum  erscheint dieses Buch erst jetzt? Tatsache ist, dass Salber vor 40  Jahren den Verkauf der Vorlesungsmitschrift zu verhindern gesucht hat.  An die Argumente des Dozenten kann ich mich noch gut erinnern; er  fürchtete, dass die Studierenden sein Buch „Konstruktion  psychologischer Behandlung“ (Bonn1980) dann nicht kaufen würden. Zwei  Jahrzehnte später wurde das Behandlungsbuch im Rahmen der Werkausgabe  noch einmal gedruckt. Lesenswert ist das „Vorwort zur zweiten  Auflage“, in dem Salber sowohl auf die zugrundeliegende Vorlesung als auch auf spätere Entwicklungen hinweist.

Freuds Behandlungskonzept ist wiederholt dargestellt worden. Meistens  werden wichtige Freud-Zitate nebeneinandergestellt und dann  paraphrasiert. Warum eine solche Vorgehensweise nicht ausreicht,  begründet Salber wie folgt: „Ich werde versuchen, die  psychoanalytische Sicht auf die morphologische hin zu übersetzen; nur  durch die Übertragung in eine andere Sprache ermöglichen wir es, zu  verstehen, was ein anderer sagen wollte.“ An anderer Stelle heißt es:  „Hier merken wir, dass die Freudsche Begriffsbildung eine  Begriffsbildung ist, die er übernommen hat, und dass das, was er damit  beschreiben wollte, nicht immer in den geeigneten Begriffen gefaßt  werden konnte. Hier ist es sicher notwendig, über seine Formulierungen  hinauszugehen.“

Es ist faszinierend zu sehen, wie Salber den Sinn von bekannten  Termini der Psychoanalyse deutlich macht. So erweist sich die „freie  Assoziation“ als nichts anderes als eine Beschreibung, ohne etwas  einzumischen. Der Begriff „Übertragung“ ist Freuds Wort für Struktur  und Strukturierung. Was meint das Stichwort „Gegenübertragung“? „Wenn  wir das von einem Werk her sehen, können wir sagen, dass der Therapeut  das gemeinsame Werk ausnutzt, um seine eigenen Beweisführungen und  Interessen durchzubringen.“

Salber betont immer wieder, dass eine psychologische Behandlung eine  bestimmte Sicht vom Seelischen voraussetzt. Nachdem er Freuds  Sichtweise expliziert hat, geht Salber auf die Grunderfahrung seiner  Psychologischen Morphologie ein: „Es ist die Erfahrung eines endlosen  Augenblicks. Daß in einem Augenblick nicht nur der Moment steckt,  sondern daß darin sich ein seelisches Universum verbirgt.“ Ausgehend  von der Tatsache, dass alle Gestalten im Übergang sind, wird  verstehbar, wie und warum es zu Störungen kommen kann. Und auch, wie  die künstliche Welt der Therapie das, was fest geworden ist, wieder in  Bewegung zu bringen vermag. Salber hat eine neue Form der  Kurzpsychotherapie entwickelt, „Intensivberatung“ genannt, deren  Grundzüge er in den Vorlesungen darlegt.

Es lohnt sich, Salbers „Klinische Psychologie“  mit seinem Buch  „Psychologische Behandlung“ zu vergleichen. Gewiß, die  Intensivberatung wird im späteren Werk systematischer abgehandelt und  dieses ist daher als Lehrbuch nicht ersetzbar. Aber in den nun  gedruckt vorliegenden Vorlesungen werden manche Punkte ausführlicher  besprochen, und daher verdient diese Publikation ebenfalls Beachtung.  Um nur ein Thema anzusprechen: Das System des Verkehrt-Haltens  verdeutlicht Salber am Beispiel der Geschichte „Der Preis“ von Arthur  Miller. Wem der Zusammenhang von Preisgabe und Beweisführung allzu  abstrakt  schien, der kann durch Salbers Analyse von Millers Drama zu  einem Aha-Erlebnis kommen.

Die „Klinische Psychologie“ dürfte meine Erachtens nicht nur für  Morphologen interessant sein, sondern auch für Psychotherapeuten  anderer Schulen. Deshalb habe ich nacheinander drei deutschsprachige  Fachzeitschriften angeschrieben und eine Besprechung dieses Buches  angeboten. Keine einzige Redaktion hat überhaupt reagiert. Was sagt  diese Unhöflichkeit über die heutige Rezensionskultur aus?