Die Übermenschen-Kultur

Daniel Salber, Ihr werdet sein wie Gott. Verheißung und Wirklichkeit der “Globalisierung”.
2. überarb. Auflage von „Moneytheismus“, Bouvier, Bonn 2018. 

Ausgehend von konkreten Alltagsbeschreibungen wird sichtbar, wie die neuen Übermenschen im Zeitalter der Globalisierung leben: perfekt, allwissend, korrekt, leidensfrei, fehlerlos, glatt. Doch die technisch-ökonomisch gestützte Allmacht ist zugleich Ohnmacht. Wir sind Übermenschen und zugleich Sklaven. Die Welt ist unverständlich, die Menschheit zerrissen und gefesselt durch ihre eigenen Automaten.

Globalisierung: Zuviel ist zuwenig

Das wirre Zuviel und Zuwenig unserer Kultur wird auf einer metaphysischen Ebene als Hybris verständlich. Eritis sicut deus. Um auf neue Wege zu kommen, reicht es daher nicht, den Kapitalismus zu bändigen, die Demokratie zu verbessern oder Bescheidenheit zu predigen. Es geht um die grundsätzliche Frage: Was ist der Mensch?

Die Antike weist Wege aus der geschichtlichen Sackgasse. Im Mythos von Prometheus steckt mehr, als die Frankenstein-Welt der „Globalisierung“ weiß. Dieser Prometheus fordert auf, einen Menschen-Garten zu bauen, anstatt uns an den Fels der Techno-Finanzwirtschaft ketten zu lassen.

Eine andere Sicht des Seelischen

VON YIZHAK AHREN

Daniel Salber (Hg.), Wilhelm Salber : Klinische Psychologie, Vorlesung  Wintersemester 1978/79. Bouvier Verlag, Bonn 2019. 393 Seiten.

Sogar diplomierte Morphologen müssen sich große Mühe geben, um Wilhelm  Salbers Bücher wirklich zu verstehen. Wesentlich einfacher war es,  Salbers Gedanken zu begreifen, wenn man dabei war, als er im Hörsaal  redete. Daher ist die Veröffentlichung  der Vorlesung, die Salber im  Wintersemester 1978/79  an der Universität zu Köln hielt, sehr zu  begrüßen. Der Herausgeber, Daniel Salber, hat ein kurzes Vorwort  geschrieben und ein Begriffsregister erstellt, das bei einer  Vertiefung in die behandelte Materie hilfreich ist.

Manchem Leser mag sich die naheliegende Frage aufdrängen: Warum  erscheint dieses Buch erst jetzt? Tatsache ist, dass Salber vor 40  Jahren den Verkauf der Vorlesungsmitschrift zu verhindern gesucht hat.  An die Argumente des Dozenten kann ich mich noch gut erinnern; er  fürchtete, dass die Studierenden sein Buch „Konstruktion  psychologischer Behandlung“ (Bonn1980) dann nicht kaufen würden. Zwei  Jahrzehnte später wurde das Behandlungsbuch im Rahmen der Werkausgabe  noch einmal gedruckt. Lesenswert ist das „Vorwort zur zweiten  Auflage“, in dem Salber sowohl auf die zugrundeliegende Vorlesung als auch auf spätere Entwicklungen hinweist.

Freuds Behandlungskonzept ist wiederholt dargestellt worden. Meistens  werden wichtige Freud-Zitate nebeneinandergestellt und dann  paraphrasiert. Warum eine solche Vorgehensweise nicht ausreicht,  begründet Salber wie folgt: „Ich werde versuchen, die  psychoanalytische Sicht auf die morphologische hin zu übersetzen; nur  durch die Übertragung in eine andere Sprache ermöglichen wir es, zu  verstehen, was ein anderer sagen wollte.“ An anderer Stelle heißt es:  „Hier merken wir, dass die Freudsche Begriffsbildung eine  Begriffsbildung ist, die er übernommen hat, und dass das, was er damit  beschreiben wollte, nicht immer in den geeigneten Begriffen gefaßt  werden konnte. Hier ist es sicher notwendig, über seine Formulierungen  hinauszugehen.“

Es ist faszinierend zu sehen, wie Salber den Sinn von bekannten  Termini der Psychoanalyse deutlich macht. So erweist sich die „freie  Assoziation“ als nichts anderes als eine Beschreibung, ohne etwas  einzumischen. Der Begriff „Übertragung“ ist Freuds Wort für Struktur  und Strukturierung. Was meint das Stichwort „Gegenübertragung“? „Wenn  wir das von einem Werk her sehen, können wir sagen, dass der Therapeut  das gemeinsame Werk ausnutzt, um seine eigenen Beweisführungen und  Interessen durchzubringen.“

Salber betont immer wieder, dass eine psychologische Behandlung eine  bestimmte Sicht vom Seelischen voraussetzt. Nachdem er Freuds  Sichtweise expliziert hat, geht Salber auf die Grunderfahrung seiner  Psychologischen Morphologie ein: „Es ist die Erfahrung eines endlosen  Augenblicks. Daß in einem Augenblick nicht nur der Moment steckt,  sondern daß darin sich ein seelisches Universum verbirgt.“ Ausgehend  von der Tatsache, dass alle Gestalten im Übergang sind, wird  verstehbar, wie und warum es zu Störungen kommen kann. Und auch, wie  die künstliche Welt der Therapie das, was fest geworden ist, wieder in  Bewegung zu bringen vermag. Salber hat eine neue Form der  Kurzpsychotherapie entwickelt, „Intensivberatung“ genannt, deren  Grundzüge er in den Vorlesungen darlegt.

Es lohnt sich, Salbers „Klinische Psychologie“  mit seinem Buch  „Psychologische Behandlung“ zu vergleichen. Gewiß, die  Intensivberatung wird im späteren Werk systematischer abgehandelt und  dieses ist daher als Lehrbuch nicht ersetzbar. Aber in den nun  gedruckt vorliegenden Vorlesungen werden manche Punkte ausführlicher  besprochen, und daher verdient diese Publikation ebenfalls Beachtung.  Um nur ein Thema anzusprechen: Das System des Verkehrt-Haltens  verdeutlicht Salber am Beispiel der Geschichte „Der Preis“ von Arthur  Miller. Wem der Zusammenhang von Preisgabe und Beweisführung allzu  abstrakt  schien, der kann durch Salbers Analyse von Millers Drama zu  einem Aha-Erlebnis kommen.

Die „Klinische Psychologie“ dürfte meine Erachtens nicht nur für  Morphologen interessant sein, sondern auch für Psychotherapeuten  anderer Schulen. Deshalb habe ich nacheinander drei deutschsprachige  Fachzeitschriften angeschrieben und eine Besprechung dieses Buches  angeboten. Keine einzige Redaktion hat überhaupt reagiert. Was sagt  diese Unhöflichkeit über die heutige Rezensionskultur aus?